Warum nicht in die Ferne schweifen? Touristiker verraten, warum längere Flugreisen für Familien mit Kindern kein Problem sein müssen – und welche Ziele sich besonders eignen.

Verregnete Ferien an Nord- oder Ostsee, sibirisch anmutende Temperaturen an trüben Tagen in Holland und stundenlange Autofahrten mit vollgepacktem Gefährt, inklusive sich langweilenden Kindern und gestressten Eltern: Begleiterscheinungen, die Urlaubsfreuden verhageln können. Aber selbst, wer sich nicht vorm Fliegen mit Kindern scheut, strebt in der Regel maximal Mittelstreckenziele an. Warum eigentlich? Ein Urlaub in der Ferne kann durchaus eine Alternative sein.

Fernreisen mit Kindern
Fernreisen mit Kindern

Beliebte Karibik. Immer mehr Resorts in der Ferne stellen sich auf Bedürfnisse von Reisenden mit Kindern ein. Und immer mehr Familien greifen zu, ermittelt die Reiseanalyse 2008 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F.U.R.). Ein Grund für Fernreisespezialist Meier’s Weltreisen, familienfreundliche Resorts gesondert zu kennzeichnen. Im aktuellen Winterprogramm bewirbt der Veranstalter rund 100 familienfreundliche Badehotels weltweit sowie eine speziell für Familien ausgearbeitete Rundreise durch Namibia mit kurzen Tagesetappen und vielen Tiererlebnissen. Bereits im April dieses Jahres legte Meier’s den Katalog »Traumreisen zu Traumpreisen« auf, der viele familienfreundliche Angebote beinhaltet. Offenbar eine gute Idee: »Wir erkennen, dass der Anteil der Buchungen mit Kindern aus diesem Katalog doppelt so hoch ist«, sagt Matthias Rotter, Bereichsleiter von Meier’s Weltreisen. Gefragt seien Ferien in der Dominikanischen Republik sowie im mexikanischen Cancún. Eine Tendenz, die TUI bestätigt. Ein Grund sei, dass es dort viele All-inclusive-Angebote und Häuser mit Kinderrundumbetreuungsprogrammen und Kinderpools gebe. »Wir sehen seit Jahren eine Steigerung der Nachfrage für Familien mit Kindern in derKaribik und stellen uns weiter zunehmend auf diese Zielgruppe ein«, so der bei TUI für die Karibik verantwortliche Produktmanager Steffen Boehnke. Die Top-TUI-Ziele dort sind: Ebenfalls die Dominikanische Republik und Cancún, außerdem Kuba.

Nordamerika und Golfstaaten. Daneben seien aber auch Reisen in den Norden Amerikas familientauglich und beliebt, heißt es aus Hannover. Und Melf Türkis, Leiter Produktmanagement Afrika, Orient, Indischer Ozean, Asien, Australien und Pazifik bei TUI, verweist auf die guten Bedingungen in den Golfstaaten. Sichere Strände, wenig Zeitverschiebung und vielfältige Freizeitmöglichkeiten seien deren Plus, sagt der Vater einer vierjährigen Tochter.

Wohin reisen die Profis? Grund genug, nachzufragen, welche Destinationen reiseerfahrene Touristiker mit der eigenen Familie besuchen. Dertour-Manager Jörn Krausser, Papa von Max (6) und Marie (7), schwärmt von Ferien auf Mauritius. Die Häuser seien »extrem gut auf Familien eingestellt«, die Kinderbetreung auf hohem Niveau. Selbst Inselhüpfen sei mit Kindern kein Problem. Auch die Seychellen, Brasilien und Sri Lanka besuchte er mit Familie. Reisen mit Kindern ist unkompliziert, betont Dietmar P. Schulz, bei FTI für Ozeanien zuständig. Der Vater zweier Jungs (14 und neun Jahre alt) nimmt seine Sprössling von jeher mit auf die Langstrecke, gerne nach Australien und in die Südsee. Als die Kinder noch kleiner waren, plante die Familie bei Trips ans andere Ende der Welt eben einen Stopp in Singapur, Bangkok oder Hongkong ein – je nach Flugroute.

Übereinstimmend berichten die Profis, dass Langstreckenflüge unproblematisch verliefen – vor allem Nachtflüge. Tasche unter die Füße, fertig ist das provisorische Kinderbett, so Schulz. Meier’s-Chef Rotter rät zur Sitzplatzreservierung. Sein Tipp: Erste Reihe in der Economy (Notausgang ist für Kinder nicht buchbar).

Wichtiges Hilfsmittel ist auch die Bordbespaßung. Spielsachen, Kuschelkissen und Knabberzeug gehören ins Handgepäck. TUI-Mann Türkis empfiehlt bei Reisen mit kleinen Kindern einen tragbaren DVD-Player: »Sandmännchen wird dann gezeigt, wenn die Kleine schlafen soll«, erzählt er von Reisen mit seiner vier Jahre alten Tochter. Und Dertour-Manager Krausser schwärmt vom MP3-Player mit Lieblingsgeschichten der Kleinen. Wenn der Nachwuchs trotzdem mal zappelig wird: »Gewähren lassen und nicht sofort zischen und zur Ruhe mahnen«, rät Schulz. Dann würden die Kleinen nur noch aufgeregter.

»Vier Stunden auf die Kanaren in einer eng bestuhlten Maschine können stressiger sein«, urteilt jedenfalls Reisebüromitarbeiterin Nadine Ann Scheer, Mama von Kian (4) und Helen (2). Vor allem Südthailand sei für Familien ideal, findet die aufs Familienprodukt spezialisierte Ludwigsburgerin. »Die Menschen sind so freundlich, das spüren Kinder manchmal noch mehr als Eltern«, sagt auch Meier’s-Chef Rotter, quasi schon berufsbedingt selbst Thailand-Fan.

Cool bleiben. Sind die Eltern entspannt, machen Kinder keinen Stress. »Ruhe, Gelassenheit, Souveränität«, nennt FTI-Mann Schulz deshalb als Eckpfeiler. »Man kann jederzeit Fernreisen machen«, beteuert Rolf Bienert, Geschäftsführer von Explorer Fernreisen und Vater zweier Söhne. Er bereiste mit Sohn Ken sogar Alaska, als dieser gerade mal neun Jahre alt war. Camperurlaub sei auf jeden Fall empfehlenswert, sagt FTI-Mann Schulz und lobt »die große Freiheit« dieser Reiseform. Allerdings sollten Familien kürzere Tagesetappen planen, generell keine Riesenrouten absolvieren (nicht von Sydney nach Cairns in einem Rutsch, wie das Deutsche häufig machen) und zudem zwischendrin für Abwechslung sorgen. »Kinder fühlen sich überall wohl, wenn das Reisen für sie spannend gestaltet wird«, bekräftigt Explorer-Chef Bienert. So taufte er mit seinen Söhnen in Kanada bei Stopps umliegende Seen, schnitzte Namensschilder und stellte diese auf.

Allgemeingültige Regeln gibt es ohnehin nicht. Je reiseerfahrener die Eltern, desto abenteuerlicher sind mitunter die mit Kindern absolvierten Touren. Der wohl wichtigste Rat lautet deshalb: Kinder beobachten, einschätzen, abwägen – und mit ihnen die nächste große Reise planen.

Tipps: Fernreisen mit Kindern
Birgit Leimbeck arbeitet als verantwortliche Redakteurin für das Ressort Familie & Freizeit bei den Zeitschriften »Eltern« und »Eltern Family«. Bereits seit 1986 beschäftigt sie sich in dieser Funktion mit Familienthemen. www.eltern.de produkt familienurlaub

Je reiseerfahrener Eltern sind, desto problemloser gestalten sich Trips auch in ferne Länder. Neben einer entspannten Grundeinstellung, der wichtigsten Voraussetzung für einen stressfreien Urlaub, gibt es ein paar weitere Punkte, die zum Gelingen der Familienferien in der Ferne beitragen. Unsere Familienfachfrau Birgit Leimbeck, selbst Mutter einer 19-jährigen Tochter, erstellt eine kurze Checkliste zur Vorbereitung.

  • Flugdauer. Je kürzer, desto besser; ideal sind auch Nachtflüge; allerdings: Kinder verhalten sich extrem unterschiedlich (manche schlafen komplett durch, andere schreien und quengeln), deshalb: Kind vorher kritisch einschätzen, ob es längere Flüge durchhält; Jungs brauchen tendenziell mehr Bewegung im Flieger.
  • Jahreszeit. Familien sollten extreme Wetterlagen meiden, Monsun etc.
  • Verständigung. Da kleine Kinder bei hohem Fieber und starkem Durchfall oft schnell mal zum Arzt müssen, möglichst nur in Länder ohne Sprachbarrieren.
  • Ärztliche Versorgung. Nicht in Krisengebiete, ärztliche Versorgung muss gewährleistet sein; nicht in Länder reisen, für die zusätzliche Impfungen nötig sind (etwa Gelbfieber); Malaria-Gebiete meiden (Fieberschübe sind gerade bei kleinen Kindern gefährlich); auf hygienischen Grundstandard achten (vor allem bei ganz Kleinen).
  • Reiseart. Möglichst keine Rund- oder Städtereisen im Kleinkindalter, lieber an einen Ort fahren und von dort Ausflüge unternehmen; wenn Rundreise, dann kurze Etappen planen; kleine und größere kindgerechte »Abenteuer« einbauen.
  • Essen. Extrem scharfe Gerichte meiden, auf Hygiene achten; ansonsten: bei Kindern können Eltern mit entsprechend attraktivem Essen prima punkten.
  • Reiseländer. Keine allgemeingültigen Empfehlungen; Tendenz: USA, Australien, Neuseeland geeignet, Afrika eher schwierig – hängt vom Erfahrungsgrad der Eltern ab; zudem ist ein Verwandtenbesuch auch von den Standards her anders als eine reine Urlaubsreise.
  • Handgepäck. Pullover, Jacke, warme Socken (Füße sind dann besser durchblutet); »Notausrüstung« (falls Gepäck nicht ankommt); Knabbereien (verhindern Langeweile während des Flugs); Kinder ab drei Jahren sollten sich eine eigene Tasche mit Spielsachen packen dürfen; immer dabei: Schmusetier oder -kissen, Nackenstütze sowie eine »Überraschungstasche« (mit Lieblingsgeschichten auf MP3-Player, Malsachen etc.).
  • Kinderkontakt. Kinder wollen Kinder treffen, deshalb dazu unterwegs Möglichkeiten schaffen.

Text: Travel One 2008

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